Sonett Nr. 66

Posted on 6. Oktober 2012

Sonett von William Shakespeare (Übersetzung: Christa Schuenke)

All dessen müd, nach Rast im Tod ich schrei,
Ich seh es doch: Verdienst muß betteln gehn
Und reinste Treu am Pranger steht dabei
Und kleine Nullen sich im Aufwind blähn
Und Talmi*-Ehre hebt man auf den Thron
Und Tugend wird zur Hure frech gemacht
Und wahre Redlichkeit bedeckt mit Hohn
Und Kraft durch lahme Herrschaft umgebracht
Und Kunst das Maul gestopft vom Apparat
Und Dummheit im Talar Erfahrung checkt
Und schlichte Wahrheit nennt man Einfalt glatt
Und Gutes Schlechtesten die Stiefel leckt.
All dessen müd, möcht ich gestorben sein,
Blieb nicht mein Liebster, wenn ich sterb, allein.

 * Talmi: unecht, falsch

Shakespeare hat gegen Ende des 16. Jahrhunderts insgesamt 154 Sonette geschrieben, welche allesamt wunderschöne, emotionale Momentaufnahmen sind. Liebe, Hass, Verlust, Leidenschaft, Leben, Tod, Jugend, Alter und noch mehr Themen werden in ihnen angesprochen. Alles in schönster Poesie verpackt, kann man sich vollkommen in den Texten verlieren und findet mit großer Wahrscheinlichkeit immer ein Sonett, welches die eigene Situation bestens beschreibt. Erstaunlich für ein Werk das über 400 Jahre alt ist!

Empfehlenswert ist auch die Aufführung des Berliner Ensembles „Shakespears Sonette“ von Robert Wilson und Rufus Wainwright, welche 25 Sonette mit fantastischen Bildern und toller Musik auf die Bühne gebracht haben. Wer also eine Aufnahme davon findet sollte sie sich unbedingt anschauen.

In der Übersetzung von Christa Schuenke finden die englischen Worte ihre passenste deutsche Entsprechung. Auch wenn viele andere Übersetzungen käuflich zu erwerben sind, kann ich die ausgezeichnete Arbeit von Frau Schuenke absolut empfehlen. Ich besitze drei verschiedene Übersetzungen, doch nur diese eine Ausgabe nehme ich in regelmäßigen Abständen in die Hand.

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